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Libyenreise 2000

Autor: Christian von Ballmoos • 2000


Christian und sein Landy unterwegs in Tausend und einer Nacht...

Jetzt klappt es!

Diesmal sollten unsere Erwartungen und Vorbereitungen nicht vergebens sein. Vor zwei Jahren hatten wir diesbezüglich Probleme und konnten dieses Land nicht bereisen. Jetzt sind die politischen Verhältnisse stabil und die Visa wurden relativ kurzfristig ausgestellt.

Die Vorfreude ist etwas Schönes und gehört zu jeder Reise. Wenn (fast) alles organisiert und vorbereitet ist, kann man die Ferien laufen lassen und sich „nur" noch dem Unvorhergesehenen widmen. Jedenfalls waren unsere Ländys 90 mit Alex und Bumi, sowie Rikus 110er und mir (siehe Fusszeile) am 5. Februar morgens um 06.00 Uhr top und unsere kleine Expedition konnte beginnen.

Die Ueberfahrt von Genua nach Tunis mit dem neuen Schiff „Carthage" verlief problemlos, und sogar die Einreiseformalitäten wurden stark vereinfacht.

Eine Tagesfahrt durch Tunesien musste noch in Kauf genommen werden bis die Grenzgebäude und Libyen vor uns auftauchten. Der Grenzübertritt dauerte gerade 3 Stunden und mit neuen, libyschen Nummernschildern wurden wir in die unendlichen Weiten entlassen.

Ein anderes Land

Es dauerte nicht lange, und schon wurden wir mit der Realität der Umweltverschmutzung konfrontiert. Sämtlicher Müll wird aus den Ortschaften gekarrt und auf freiem Feld deponiert. Zum Teil schockierend, was da alles entlang der Strassen zu sehen und zu riechen war ("problem of the government", wie wir belehrt wurden).

Kaum ein paar Kilometer ausserhalb der Dörfer oder Städte sah dann das Ganze etwas besser aus und die unendlichen Halbwüsten in Richtung Süden begannen. Die meisten Einwohner dieses Landes wohnen entlang des Mittelmeers in grösseren Städten. Die Wüstenstädte, die sehr bequem auf Teerstrassen zu erreichen sind, beherbergen die restliche Bevölkerung. Die dazwischen liegenden Hochebenen, Sand-Ergs und tiefer liegenden Wüsten sind dann meistens menschenleer und eher lebensfeindlich.

Der Tourismus in Libyen steckt noch in den Kinderschuhen und wir waren meistens alleine für uns und trafen nur an wenigen Orten auf andere Touris. Libyen ist etwas ganz Besonderes, und wird - zur Zeit - noch nicht in jedem Reisebüro angeboten. Zum Glück!

Wüsten-Highlights vom Feinsten

Unser Ziel war es, als erstes in Richtung Nalut, Dari, dann Off-Road über Hassi Ifertas, Hassi Nahia und die Pipelinepiste bis nach Idri zu fahren.

Die Landschaft war sehr abwechslungsreich, stellte aber an das Fahrkönnen keine besonderen Anforderungen. Mit etwas Gefühl und dem entsprechenden Luftdruck in den Reifen meisterten wir alle Hindernisse problemlos.

Nach Idri (Auftanken und Lebensmittel ergänzen) ging die Fahrt weiter in Richtung Süd-Ost.

Wir wollten das Erg Ubari auf östlicher Seite, von Norden her kommend überqueren, und dabei die Wüstenseen Nuna, Truna und Um el Hassan suchen. Jetzt konnte auf das GPS und fahrerisches Können nicht mehr verzichtet werden.Unsere Piloten Alex und Riku meisterten die zum Teil schwierigen und steilen Auffahrten über die grossen Sanddünen bravourös. Nach einigen Such- und Irrfahrten in diesem riesigen Sandlabyrinth trafen wir auf den See „Truna" mit dem dahinterliegenden „Nuna".

Wir waren überwältigt von der Schönheit und der Stille, die wir hier geniessen durften. Kein Mensch weit und breit.

Die Palmen standen bis zum Wasser und im Schilfgürtel zwitscherten die Vögel. Hinter den verlassenen Häusern beginnen die nächsten Sanddünen, und von dort oben bietet sich ein schöner Ueberblick auf den ganzen See. Etwas entfernt vom Wasser richteten wir uns für die Nacht ein, und hofften, dass die Mücken uns in Ruhe lassen werden. Die Atmosphäre hier inmitten dieses Naturwunders war einfach super. Nach weiteren Dünenüberquerungen trafen wir auf den See „Um el Hassan", der grösste aller Ergseen. Auch hier das gleiche Schauspiel. Die Seen waren sehr salzhaltig und von tausenden von kleinen roten Krebslein und Mückenlarven bevölkert.

Nach weiteren, zum Teil schwierigen Passagen nahmen die Fahrspuren dann allmählich zu, und plötzlich hatten wir den Gabronsee vor uns. Die riesige, nebenanliegende Sanddüne und das verlassene Dorf waren doch recht eindrucksvoll und man konnte nur ahnen, wie hier noch bis vor zehn Jahren gelebt und gearbeitet wurde. Auch die ersten Touristen trafen wir hier an. Am Abend bei den Tuareg am wärmenden Lagerfeuer, mit Tee und „Musik" gings dann lustig zu und wir versuchten über dies und das zu sprechen. Der Sternenhimmel bot auch diese Nacht sein volles Programm und wir schauten des öftern nach oben, um das bereits Bekannte abermals abzuchecken und uns die Sternbilder einzuprägen.

Unsere nächsten Ziele waren dann der See „Um el Ma" und der nebenanliegende „Mandara". Hier hatte es bereits vermehrt Touristen, die meistens von Süden herkommen, um diese Gegend auszukundschaften. Leider trifft man hier auch wieder vermehrt auf Zivilisationsmüll.

Felszeichnungen und Monstergebirge

Nach einem Zwischenhalt in Ubari fuhren wir dann über das Wadi Elobu mit sehr schönen Felsgravuren bis zum Garamantischen Apoll, einer berühmten Gravur, die schon Heinrich Barth vor 150 Jahren als erster Europäer zu Gesicht bekam.

Die Fahrt dorthin war aber eine Tortur für unsere Autos, denn nichts als Steine so weit das Auge reichte waren zu überqueren. Manchmal ging es ein paar Meter über kleine Hindernisse, bis dann die grösseren wieder das Kommando übernahmen und uns bis auf die Knochen durchschütteln liessen. Dank unseren GPS wussten wir aber immer wo lang, und steuerten das nachfolgende Wadi „Mathendous" und „In Habeter" zielgenau an. Auch dort fanden wir sehr schöne Tiergravuren.

Ueber steinige Brutalopisten und riesige Abbruchstellen gings dann Off-Road pur auf einer sehr langen und steilen Abfahrt in eine Ebene hinunter. In weiter Ferne konnte man bereits das Akakusgebirge ausmachen, dem wir uns zum Teil in rasanter Fahrt näherten. Durch den nördlichen Akakus fuhren wir dann ohne gross belangt zu werden (wegen dem fehlenden Führer) in Richtung Nord bis Serdeles. Die Bergformationen waren eindrucksvoll und überall konnte man die unterschiedlichsten Fabelwesen ausmachen, die uns beobachteten und verfolgten. Wir verbrachten eine Nacht in dieser Gegend und liessen uns im Lichte des Lagerfeuers von „Jaba the hat", der sich schwarz vom Hintergrund abhebt, inspirieren (Fabelwesen aus dem Film „Starwars" ).

Der 11. Längengrad

In Serdeles beabsichtigten wir, alles vollzutanken, um dann am 11. Längengrad entlang nach Norden weiterzufahren. Die Zapfsäulen gaben jedoch nichts mehr her, und so waren wir gezwungen, ins ca. 100 Km entfernte Ghat zu fahren, um dort alle Tanks zu füllen. Dieser Abstecher kostete uns einen halben Tag, bis wir an unserer Route wieder anhängen konnten.

Gemäss Reiseführer und hilfreichen GPS Koordinaten bogen wir dann kurz nach Serdeles nach Norden ab und kamen recht gut voran. Spuren und wegweisende Fässer waren regelmässig zu sehen und gaben uns das gute Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Unsere Strecke bis Dari hatte eine Länge von ca. 830 Km. Wir durchquerten abermals das Erg Ubari, jetzt auf der westlichen Seite. Dabei trafen wir auf dieser langen Fahrt nur gerade 7 Kamelhirten, die mit ihren Tieren in der Nähe von Wasserstellen zum Rechten schauten.

Grosse Sanddünen, mit zum Teil schwierigen Passagen, mussten hinter uns gebracht werden. Dann gings wieder auf endlosen Ebenen mal 40 Km nach Ost, um in weitem Bogen, einem uns nicht sichtbaren Hindernis auszuweichen. Die Spuren und Pistenmarkierungen, die zum Teil nur mit Anstrengungen gefunden wurden, brachten uns aber immer wieder in die Nähe unseres unsichtbaren Faden, der nach Norden verlief.

Die Gegend vom Brunnen „Hassi Ifertas" hatten wir noch von der Hinfahrt her in Erinnerung, nur dass die Fahrtrichtung jetzt in umgekehrter Richtung verlief. Weite Schotterebene und windige Hammadas (Hochflächen) waren zu überqueren. Zum Teil konnte die Erdrundung am Horizont festgestellt werden, und man kam sich wie auf einem anderen Planeten vor.

Nach genau 2506 Km Off-Road trafen wir dann kurz vor Dari wieder auf die Teerstrasse, wir fühlten uns wie auf einem Teppich. Keine Rüttelei mehr und die Geschwindigkeit konnte gesteigert werden. Zuerst mussten wir aber wieder die Reifen mit genügend Luftdruck versehen, was für uns eine Fitnessübung darstellte.

Lebtis Magna und Fahrt nach Tunis

Wir fuhren jetzt bis nach Nalut, dann immer dem grossen Abbruch entlang nach Osten bis Aziziyah und weiter bis Khoms mit dem berühmten Leptis Magna. Auf dieser Fahrt sahen und erlebten wir einen Teil Libyens, der viel mehr bewohnt und landwirtschaftlich genutzt wird.

Der Verkehr nahm jeweils vor den Städten zu und wir waren immer auf der Hut, nicht in einen Zwischenfall oder sogar in einen Unfall verwickelt zu werden. Die Fahrzeuge hier sind zum Teil in erbärmlichem Zustand und werden oft sehr gefährlich pilotiert. Nach Informationen vor Ort, müssen Libyer weder einen Führerschein haben, noch ihr Fahrzeug einer Motorfahrzeugprüfung unterstellen.

Der weite Weg bis nach Leptis hat sich gelohnt, denn was es hier alles zu sehen und zu bewundern gab, war doch eindrücklich und einmalig. Die Römer hinterliessen hier den Archäologen und auch jedem Interessierten eine Kulturstätte, die ihresgleichen sucht. Riesige Ueberreste von Tempelanlagen, ein grosses Theater mit vielen, zum Teil sehr schönen Säulen, einen Marktplatz, der von vielen alten Strassen erreicht werden kann. Ein grosser Triumphbogen und mit Marmor ausgekleidete Bäder können ebenfalls bestaunt werden. Auch hier waren wir unter uns, und nur wenige Touristen trafen wir an.

Nach diesem Abstecher wars nun an der Zeit, die Heimreise endgültig anzutreten. Die Fahrt und der Grenzübertritt nach Tunesien war kein Problem und wir gaben mit etwas Wehmut die libyschen Nummernschilder wieder ab. So hätten sie doch gute Erinnerungsstücke dargestellt.

Nordwärts gings nun recht zügig bis Gabés und Sfax, wo wir den grossen Markt in der Altstadt durchstöberten. Dieser Markt ist sicher einen Besuch wert, und man kommt sich wie in 1000 + 1 Nacht vor. Ohne bedrängt oder belästigt zu werden, genossen wir das Orientalische mit seinen Farben, den Gerüchen, den Lauten, und einfach das Andersartige, Eindrückliche und Unvergessliche.

Weil unser Schiff Verspätung hatte, und wir früh im Hafengelände von „La Goulette" waren, mussten wir eine lange Warterei in Kauf nehmen. Aber dann wurde auch hier einiges an Formalitäten wegrationalisiert und mit wenigen Kontrollen waren wir an Bord.

Noch etwas aus unserem Wortschatz während den langen Fahrten oder am Lagerfeuer:

  • Brotzyt: Fahrpause mit Zwischenverpflegung
  • ziemerne: Aufmunterung zu neuen Taten, sprich Aufbruch
  • die ganzi Brüni am Wäschhudel: Enttäuschung der verlorenen Bräune nach einem schönen Tag
  • di Wiude: Autofahrer an einem Kreisel, oder der Pianospieler auf dem Schiff
  • arabische Hööge: Verkehrsschilder und Ortstafeln
  • Chrüpupischte: Knüpelharte Baggerpisten auf den Steinebenen
  • Dudeln: in deutscher Speisekarte für Teigwaren
  • grusigi Sosse: Sandmehl oder Fesh-Fesh
  • Penntüte: ungenügende Schlafsäcke (bis -7 Grad), die von Eskimos als Testschläfer deklariert wurden
  • Mondstörung: Fototermin für Mondaufgang während unserem Fondue in der Wüste
  • Uebergewicht: schöne Steine als gewichtige Souvenirs
  • Föbus: unser Retter für warme Essen in jeder Situation
  • Alex`s Gemüseomlette à la Idri: 15 Eier, 2 Zwiebeln, 3 Tomaten, 1 Peperoni und viel Gewürz

Schön wars!

von Ballmoos Christian