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Eine ganz normale Heimreise aus dem Südtessin

Autor: ??? • 2003

...oder wie ein fast 20-jähriger Land-Rover 110 drei Ferraris "abtrocknete"

Der homo automobilisticus helveticus assoziiert mit dem Markennamen Land-Rover meist eine langsame, ölsabbernde und pannenanfällige Teeschachtel aus England, gerade geeignet, um Milchkannen, Düngersäcke und Holzscheiter zu transportieren. Der nachfolgende, wirklich wahre Bericht zeigt auf, dass weniger oft mehr ist...!

Vom 16. - 19. Oktober 2003 verbrachte ich ein "verlängertes Week-end" im Malcantone, einer reizvollen Gegend zwischen Lugano und Luino. Diese Zeit verbrachte ich holzfällend in einem steilen und abgelegenen Waldstück nahe der malerischen Ortschaft Bedigliora, ein Auftrag eines Kunden von mir. Was für eine Zeit! Der herbstfarbene Maroniwald, die bodenständigen Nachtessen (Polenta, Wild, Maroni, Merlot ...!), die ungläubig staunenden Einheimischen (bei meiner Arbeit zuschauend), die nicht glauben mochten, dass der "swizzero tedesco" diese schwierigen Arbeiten allein fertig stellte - und die rehbraunen Augen der nicht mehr ganz jungen, aber nichtsdestotrotz hochattraktiven einheimischen Pöstlerin... - aber das ist eine andere Story!

Nun - am frühen Nachmittag des 19. Oktober fuhr ich also weg aus der gastlichen Gegend, Richtung Magliaso, Autobahneinfahrt Lugano Nord, Richtung Gotthard; fröhlich mit 90 km/h, mein VM-Diesel brummte ruhig vor sich hin, ich gedankenverloren (jaja, die braunen Augen......!) , auf der Ceneri-Südrampe erschrecke ich mich fast zu Tode: drei flache Flundern, Ferraris, überholen mich mit markentypischem Bellen und Röhren aus dem Auspuff. Sie jaulen durch den Ceneritunnel, ich sehe sie bald nicht mehr.

Raststätte Bellinzona-Süd: Sicherheitscheck am Landy: Oel, Kühlerflüssigkeit, Diesel etc., alles hundertmal schon gemacht, alles Routine. Daneben drei rote Ferraris (zweimal ZH, einmal AG), die Piloten Italotypen, einer murkst etwas unter der Motorhaube, einer tankt (gurgelgurgel!!) einer hält Maulaffen feil. Ich fahre weiter, Richtung Gotthard. Bei Faido jault's wieder hinter mir - WUSCH - sehe ich nur noch die Heckleuchten des letzten Ferrari. Raststätte Stalvedro vor dem Gotthardtunnel: Ich gehe mich informieren wegen eines allfälligen Staus vor der Röhre, Fahrzeugcheck (siehe oben) - dort stehen drei Ferraris, der TCS-Patrouilleur dabei, lange Gesichter bei den Ferraristi. Deren Begleiterinnen (zwei Wasserstoffblondinen, eine knallschwarz) schauen belämmert aus ihren schicken italienischen Rollkragenpullis. Schon wieder was kaputt?

Während ich einsteige, stieben die drei Roten schon auf die Autobahn. Jenu, dann fahrt halt, denke ich - ich weiss ja, dass vor dem "Loch" ein Stau steht, Wartezeit mehr als 40 Minuten. Das ist mir natürlich viel zu dumm, ich nehme die Ausfahrt Airolo, fahre Richtung Pass. Ich sehe, wie die drei Flundern im Stau stecken, die Piloten verärgert und genervt, die drei vom "Escort-Service" sichtlich gelangweilt...!

Entspannt brummle ich mit meinem betagten Diesel über den Pass, geniesse die Landschaft, auf der Passhöhe steige ich aus, eine steife Brise pfeift mir um die Ohren, es ist kalt, einige Wolkenfetzen jagen über die Passhöhe, eine mythische Stimmung, magic Moments a discretion...!

Andermatt, Schöllenen, Göschenen, ich bin wieder auf dem Highway, Gotthard-Nordrampe, wieder 90 km/h, bei Wassen zischen mir die drei Ferraris wieder um die Ohren. Raststätte Schattdorf: ich brauch noch etwas Sprit. Grinsend sehe ich wieder die Ferraris... - sind denn die wirklich noch nicht weiter?? Unter einem der Schlitten eine kleine Oellache, der Fahrer schwitzend und fluchend am Schrauben (Oelleitung?), einige Zaungäste frotzelnd und feixend danebenstehend... - wie PEINLICH: schon wieder rollt der TCS ein. ...! - Die langbeinigen Puppen sind unterdessen wohl Kaffee trinken gegangen.

Ich fahre wieder los, die Schatten der umliegenden Berge werden langsam länger, ich fahre mit 90 km/h in den Seelisbergtunnel ein (100-er-Beschränkung!), ruhig brummt der Diesel, die Reifen singen, der Tunnelausgang kommt - röhrend und heulend sausen die drei Boliden an mir vorbei, deutlich über 100 Sachen drauf, raus aus dem Tunnel und rein in die Radarfalle... - das riecht deutlich nach Ärger und Bussen.....

Kurz vor Buochs dann die Schupos mit Streifenfahrzeugen, drei Ferraris auf dem Pannenstreifen, die Fahrer händeringend, die Puppen sehr gelangweilt und frierend - jaja, die Miniröcke passen halt schlecht in die kalte Deutschschweiz. Ich fahre vorbei - und winke den Puppen.

An der stadtquerend untertunnelten Autobahn in der Stadt Luzern wird gebaut - Stau! Etwa 50 Meter hinter mir: die drei Sportboliden, fauchend und grollend deren Motoren. Luzern-Nord: der Stau löst sich auf, die drei fahren, diesmal gesitteter, an mir vorbei Richtung Basel. Die Fahrer fluchend und gestikulierend am Volant, die Bunnies auf dem Beifahrersitz verstimmt, indigniert und schteisuur!

Ach, ich mag's kaum schreiben: Ich schnaufe auf der LKW-Spur den "Emmen-Stutz" hoch. Vor mir verengt sich die Stadtautobahn von drei auf zwei Spuren. Und am rechten Fahrbahnrand, in der dortigen Abstellfläche, drei Ferraristi mit ihren Begleiterinnen, frierend, aus einem Motor raucht's, die Haube offen, es wird langsam dunkel...

Eine halbe Stunde später steht mein alter Knochenschüttler im Fahrzeugunterstand beim Domizil in Oberbuchsiten. Ich stelle den Motor ab und steige aus. Ich stehe vor der Fahrzeugfront - und nehme die Achtungsstellung ein, wie einst in der Armee: "Gratuliere, alter Krieger, das macht Dir keiner so schnell nach: Drei Ferraris in Grund und Boden fahren! Morgen gibt es Freigang und eine Extraportion Diesel und Motorenöl"

Und die Ferraristi aus AG und ZH? Wenn sie nicht gestorben sind dann schrauben sie noch heute, statt zu fahren... - Allah möge sich Ihrer geschundenen Nerven erbarmen.

Achs- und Felgenbruch!

Dr. P. Steck-Schlüssel