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Breuil-Cervinia • 2000

Autor: Joachim von Cranach

Ein weiteres Mal lädt Joachim Kind und Kegel in seinen alten Landrover und zieht aus zu neuen Abenteuern. Diesmal im schönen Aostatal, gleich hinter dem Matterhorn links ...

Nach den misslichen Wettererfahrungen am FN zu Pfingsten (siehe ebenda) hatten drei meiner vier Kinder ‘genug von Regen und Schlamm’ und wollten lieber mit meiner Elisabeth ans Gurtenopenairfestival, nur Konrad (Wer denn sonst?) kam mit mir nach Italien.

(Geschah ihnen recht, das Gurtenfestival 2000 hat regen/schlammmässig alle bisher erlebten Landrovertreffen geschlagen und sie haben auf den rechten Weg zurückgefunden; ‘Im Ländy kann man wenigstens durch den Schlamm fahren und muss nicht bis zu den Knien darin herumlaufen!’)

Ursprünglich war nur ein verlängertes Wochenende Fr/Sa/So geplant, aber als am Donnerstag um neun Uhr früh das Praxistelephon noch kein einziges Mal geklingelt hatte, war der Entschluss leicht, der ‘neue’ (LR IIa, 88", *1965, 2.25 L-Benziner, Ex-Swiss-Army, oliv, mit Plane, letzte MFZ-Kontrolle 7.7.2000) schnell vollgestopft (bei nur zwei Personen braucht man nicht die letzte Lücke ausnützen) und um zehn Uhr düsten wir bei schönem, aber kühlem Wetter den Thunersee entlang ge’n Süden. Auf der Sustenabfahrt ins Meiental hinunter (Passhöhe schneebedeckt) löste Konrad mit der Frage "Wie heisst der Organisator, Fabio oder Flavio?" eine Änderung unserer Pläne aus, statt irgendwo an einem der oberitalienischen Seen zu campieren, fuhren wir nach La Cassa bei Turin zu Flavio Valente. (Hätten wir das früher gewusst, hätten wir die Alpen einige hundert Kilometer weiter westlich überquert.)

Die Fahrt durch den Gotthardtunnel ohne Planenverdeck ( nur zehn Minuten Stau vor dem Portal ) war ein eher unangenehmes Erlebnis. Die Leventina hinunter, immer leicht bergab, ging es sehr flott, 110 km/h auf den grossen 7.50 x 16" Pneus (erst nach dem 7.7.2000 montiert) ohne dass mir die Ohren, das Herz oder das Portemonnaie weh taten, kein Interesse der Zöllner an uns und schon waren wir in Italien!

Dummerweise drehten wir eine unnötige Runde um den Lago di Varese bevor ich meinen Vorsatz, die Autostrada a pedaggio zu meiden, aufgab und auf dieser für doch bescheidene Lit. 15’500/12.50 sFr bis nach Turin fuhren. Die Um/Durchfahrung von Turin während der Abend-Rush-Hour war wegen meines noch etwas ungewohnten Fahrzeugs und des italienisch/sportiven Fahrstils der übrigen Verkehrsteilnehmer nicht weit vom Alptraum entfernt, nicht nur wegen der Wärme in Italien war ich danach klatschnass, aber um sieben Uhr abends kamen wir vor Flavios Haus. Dort standen weder sein Disco noch Rafaellas Defender, nur das Wrack (potentieller Organspender, wie Flavio mir später sagte) eines SIIa Lightweights. Die durch das Gebell der drei valentinischen Hunde angelockte Nachbarin (Wir kannten uns von einer grigliata im letzten Sommer) liess sich nicht davon abhalten, Flavio auf seinem telephonino anzurufen. War auch gut so, denn eigentlich wollte er erst um zehn Uhr nach Hause kommen. (Laut Flavio, aber ich weiss nicht, wieviel davon wirklich wahr ist, sagte sie folgendes: Der komische Schweizer mit den zwei grossen roten Autos und den vielen Kindern (Sollte sie mal Indulis sehen) ist wieder da, aber diesmal hat er ein kleines braunes!). Um acht Uhr kam er dann auch schon, die zwei Stunden bis zu Rafaellas Heimkehr vergingen rasch mit Benzingesprächen, Modellautos schauen und was man halt so macht. Rafaella zauberte höchst delikate ravioli al ragù di cinghiale auf den Tisch, weiterer Informationsaustausch bis lang nach Mitternacht, todmüde ins Bett.

Um neun Uhr am Freitagmorgen war Flavio schon fort, wir sollten uns in Cervinia ja wieder sehen! Nach einem typisch italienischen Frühstück, Kaffee und süsse Stückli, verabschiedeten wir uns von Rafaella ( Auch Tierärztin, Notfalldienst am Wochenende) und, etwas gemütlicher als am Vortag, über Caselle, Rivarolo,Biella, Ivrea auf in Richtung Matterhorn. In Châtillon begann es zu tröpfeln, steigerte sich auf den 27 km bis Cervinia zum fast schon salzburgischen Schnürlregen, als allererstes nach der Ankunft zog ich die Plane wieder auf, wegen des Gepäcks, äusserst mühsam, eine fünfunddreissigjährige Armeeblache hat etwa die Biegbarkeit von 8-millimetrigem Sperrholz. Wir waren die ersten (Gäste, OK war schon installiert) auf dem für uns reservierten Camperpark, Wasser und Mülltonne ganz nah, Plumpsklo schon zugeschissen. Daher fanden wir auch einen schönen Platz für unser Zelt, das wir im strömenden Regen aufbauten und einrichteten. Erst jetzt bemerkte ich, dass wir einerseits auf der Fahrt einen rechten Sonnenbrand erwischt hatten und andrerseits beide vor Kälte zitterten. Um drei kam das OK dann auch vom Mittagessen zurück, Begrüssungshallo, Auto gucken etc.. Auf der Anmeldeliste entdeckte ich viele Bekannte, zu meiner übergrossen Freude auch Gislaine, Michel (gelber SI-88er-V8-Proto) und Sylvain (weisser 90er PU mit 9"-Pneus und 2"-Auspuff) aus Belgien. Langsam füllte sich das Camp, aber fast nur "Ziegelsteinlandrover" mit Nichtitalienern. Auf Nachfrage erklärte mir Fabio Bich, dass erstens Italiener lieber ins Albergo gehen, es sich zweitens eigentlich um zwei im Zielpublikum total verschiedene Treffen handle, jenes vom Aosta Valley LRC und das vom Land Rover Registro Italiano und dass drittens beim Registro fast nur Italiener mit elektronischen und beim AVLRC, abgesehen von den Mitgliedern, fast nur stranieri mit betagteren Modellen eingeschrieben hätten. Ecco voilà!

Ziemlich nass und kalt fuhren Cognac und ich am Abend mit Laurent und Brigitte Glass sowie den Gebrüdern Kayman, alles Landrovermodellautotauschfreunde, zu Frederico in seine birreria, das piatto del giorno waren tagliatelle con porcini, excellent. Leider war seine Käseplatte dieses Jahr noch nicht ganz so voll ausgereift wie im letzten Sommer. Die auf unserem Tisch ‘vergessene’ Grappaflasche schafften wir beim besten Willen nicht mehr, ich musste noch mit fünf Passagieren durch den Tunnel fahren, wo uns schon auf der Hinfahrt einer Rinderherde entgegengekommen war, ohne Beleuchtung, die Rinder, nicht der Tunnel, wir nahmen sie, die Grappaflasche, nicht die Rinderherde, mit zurück ins Camp. Dort waren unterdessen auch Manumariannewillystony am Aufbauen. Dass sie kurz darauf ebenfalls in Richtung Ferdericos birreria entschwanden, bräuchte eigentlich gar nicht erwähnt werden.

Aufgewärmt, aber immer noch feucht, entflammten wir in strömendem Regen die von mir mitgebrachte Finnenkerze, die wirklich fast acht Stunden brannte, die letzte Zeit davon überliess ich sie, in der Mitte des ca. fünfzig Meter durchmessenden Asphaltplatzes, bei Regen, ihrem Schicksal, auch für mich war Bett/Schlafsackruhe angesagt! Die Nacht war eher kühl, man merkte sofort, wenn einem der Arm aus dem Schlafsack gerutscht war und am Morgen waren aus den Regentropfen auf meinen wasserdichten Kisten Eiströpfchen geworden.

Am Samstagmorgen erschienen als erstes die Betreuer der verschiedenen Stände und bauten auf, Laurent Glass mit seinen Modellautos, Roberto Ferro mit Winches und Off-Road-Zubehör, das Registro Italiano und das Nomads Land Team, beide mit Kleidung mittlerer Qualität deren Preise durch Aufnäher ( LR.Reg.It bzw. Camel Trophy) in exorbitante Höhen getrieben wurde, der nackte Abriss!

Der Platz füllte sich immer mehr mit Td5ern, Discos und Freelandern, von einem Organisator schön ordentlich aufgereiht, an einem Briefing wurde hauptsächlich erklärt, welche Streckenabschnitte für Freelies nicht geeignet wären und danach war die Ausfahrt zuerst einmal längere Zeit verstopft. Ohne uns zu beeilen,machten wir ( der rote Indianer, der sandbeige 109 Π er und mein 88er ) uns erst viel später auf den Weg, aber schon kurze Zeit nach Verlassen des Asphalts wurden wir durch eine stehende Kolonne blockiert. Dies sollte sich über die ganze erste Hälfte des Roadbooks hinziehen, aber es gab uns auch die Gelegenheit, die Landschaft zu geniessen. Die Strecke führte uns bis auf 3106 M.ü.M., zwischendurch sah man auch kurz den Gipfel des Matterhorns , Schneesturm war auch dabei, kurz, Landyfahren vom Feinsten. Es gelang auch jedem von uns, sein Auto so zu versenken, dass er auf Fremdhilfe angewiesen war, bei Willy und Stony eher aus Übermut, bei mir Unaufmerksamkeit und Blödheit.

Gegen fünf Uhr nachmittags war ich wieder im Camp, die anderen zwei Equipen hatte ich auf der Durchfahrt von Cervinia vor einer Bar verloren, und dort wurde mir mitgeteilt, dass das Landycorso durch die Fussgängerzone vorverschoben worden war. Es wurde eine sehr lange Kolonne, die ersten waren schon auf dem Parkplatz bevor ich überhaupt ins Dorf eingefahren war.

Im Zelt dann die üblichen Dankesadressen und Auszeichnungen, mir gefiel besonders der Paradeschritt des maresciallo der Carabinieri, der mit zackiger Verbeugung und Salut seine Plakette entgegennahm. Auch Fabio verteilte etliche Preise. für die weiteste Anfahrt wurden Gislaine und Michel ausgezeichnet, der schönste neue LR wurde Patrice Ryder’s 130er mit Allradlenkung und als plus beau ancêtre wurde - mein 88er ausgezeichnet!

Nachdem wir uns bei Frederico nochmals äusserlich und innerlich aufgewärmt hatten, war, zumindest für Cognac und mich, deutlich früher Nachtruhe als am vorderen Abend.

Am nächsten morgen verzichtete ich auf das zweite, weitgehend deckungsgleiche Roadbook und packte in aller Ruhe meinen Kram zusammen, die anderen vier wollten eh noch einen Tag länger bleiben. Kurz nach vierzehn Uhr fuhr ich dann mit den zwei belgischen Landys im Schlepptau, über den Grossen Sankt Bernhard und durch den Lötschberg, der Autozug für die Belgier eine Sensation, von einer Kupplungsentlüftungsaktion in Aosta abgesehen pannenfrei nach Hause.

JvC